6. Diversität im Kulturleben

Im Nachgang der ersten Konferenz vom 5. Mai 2021 bildete sich eine Arbeitsgruppe, die für das o.g. Thema Handlungsempfehlungen erarbeitete und formulierte. Diese können Sie unter folgendem Link lesen:

Handlungsempfehlung der Arbeitsgruppe “Diversität im Kulturleben”

Zudem liegt von dieser Arbeitsgruppe eine Langversion der Handlungsempfehlungen vor.

Alle Texte und Materialien zur Digitalkonferenz vom 5. Mai 2021 finden Sie ab hier:

Der Konzepte, Analysen und Evaluationen zur Diversität im Kulturleben und insbesondere in den Kultureinrichtungen gab es nun viele. Doch nach wie vor sind Benachteiligungen von Teilen der diversen Gesellschaft festzustellen. Weder ist die Teilhabe aller Menschen in Nordrhein-Westfalen am öffentlich finanzierten Kulturleben ermöglicht, noch haben alle Kulturformen die Möglichkeit, sich in öffentlich finanzierten Häusern und Foren zu artikulieren. Auch angesichts der hohen Bedeutung von Kultur als Bildungsaufgabe ist deren Erreichbarkeit für alle ein hohes Gut. Welche konkreten kulturpolitischen Maßnahmen werden dies in Zukunft ermöglichen können? Und welche neuen Formen der Zielgruppenerreichung sind dazu geeignet?

Thesen

Esch

Dr. Christian Esch
NRW KULTURsekretariat Wuppertal

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Wie es wurde: Im Herbst 2015 entwickelten das NRW KULTURsekretariat (NRWKS) und seine 21 Mitgliedsstädte einen erfahrungs- und diskursgestützten Austausch zum kulturpraktischen Umgang mit der Zuwanderung Geflüchteter. Wie vielerorts, wurden auch im NRWKS Förder- und Qualifizierungsprogramme mit und für Geflüchtete aufgelegt, unter dem titelgebenden Statement „Refugee Citizen“. Im Rahmen des 2016 vom NRWKS initiierten (und dort längere Zeit angesiedelten) Runden Tischs (RT) wurden im Austausch der verantwortlichen Institutionen untereinander und mit Expert:innen der Migration und der Diversität die verschiedenen Programme ausgewertet und weiterentwickelt. Seither finden in diesem Dialogformat Praxis und Diskurs zusammen, inzwischen unter der Federführung des Kulturrats NRW. Von Anfang an begleitete das Kulturministerium dieses Forum der landesgeförderten Kultureinrichtungen, ob sie nun kommunal aufgestellt sind wie das NRWKS oder als Landeseinrichtungen agieren wie die Büros, der Musikrat oder die LAG Soziokultur. Dabei war außerdem die „Zukunftsakademie“ für Migrations- und Diversitätsthemen, die sog. ZAK, die kurzzeitig auch als Trägerinstitution des RT Diversität fungierte.
2020 veröffentlichte der RT den Ersten Konsens als Impuls für die zukünftige Praxis einer Kultur der Diversität. Darin auch die Forderung nach einer institutionellen Verankerung dieses zentralen Themas für Kultur und Gesellschaft – nachdem die ZAK 2019 ersatzlos geschlossen worden war.

Wie es vielleicht wird: Nach der Schließung der ZAK fehlt eine einschlägige Institution. Auch wenn der RT als derzeit einziges landesweites Instrument für eine zukünftige Diversitätskultur einiges Potential einbringt, das Querschnittsthema erfordert verstärkten Austausch der Kulturakteur:innen, -expert:innen und Künstler:innen im Dialog mit Politik, Wissenschaft und Praxis der Diversität, auch mit Jugendarbeit, Sport – und vor allem mit den einschlägigen Akteur:innen, den BIPoC oder wie auch immer sie gänzlich angemessen zu bezeichnen wären. Da mir die Kompetenz abgeht, das für jede:n Einzelne:n akzeptable Wording zu finden, belasse ich es bei der vorläufigen Begrifflichkeit.

Das Thema Diversität macht deutlich, dass Kunst und Kultur sich weiter noch Querschnittsthemen öffnen und mit entsprechenden Handelnden in den genannten Feldern verbinden müssen. Die Zusammensetzung des RT ist Ausdruck der Struktur, mit dem er sich befasst: Noch immer werden die Institutionen allesamt von „Biodeutschen“ geleitet, nur wenige BIPoC sind dort zu finden, erst
recht nicht in verantwortlichen Positionen. Vermutlich wird man diesem Problem nur mit einer formalen oder faktischen Quotierung bei der Besetzung wichtiger Stellen beikommen können.

Das gälte dann auch für die Stellen in einer zukünftigen Institution für die sowohl operative als auch mit Expertise ausgestattete, also diskursive Bearbeitung des Themas Diversität. Vor allem die Zeit nach der Schließung der ZAK hat verdeutlicht, dass es eine Förder- und Beratungsstelle braucht, um eine der demographischen Zusammensetzung entsprechende Kulturentwicklung durchzusetzen und auszugestalten. Mit dem „Ersten Konsens“ des RT (2020) gibt es bereits formulierte Konturen als Ausgangspunkt für die Politik im Land und in den Kommunen. Auf diesen Ebenen sollten zusammen mit den relevanten Institutionen und Akteur:innen Beteiligungsverfahren entwickelt und auf den Weg gebracht werden, als Voraussetzung für eine auch in der „Szene“ konsensfähige inhaltliche und personelle Aufstellung eines „Netzwerkzentrums für Diversitätskultur in NRW“ taugt
Ein solches Verfahren ist zwar anstrengend, muss aber sein, wie das nicht zuletzt die Geburtsfehler der ZAK gezeigt haben, die letztlich zu ihrem Scheitern führten. Gleichzeitig gilt es in diesem Verfahren ein institutionelles Handlungsprofil zu entwickeln, verbunden mit einer diversitätsorientierten und unbedingt partizipativen Arbeitsweise, gestaltet von Repräsentant:innen der Szene. Ein solches Netzwerkzentrum allerdings wird, wenn es richtig funktioniert, manch Überkommenes in Frage stellen und die Kultur in NRW und darüber hinaus verändern.

Und eben das sollten wir wollen.

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Dr. Mithu Sanyal 
Schriftstellerin, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin

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Als ich die Einladung bekam, auf dieser Konferenz einen Input zu geben, war meine erste Reaktion: Sie haben die Falsche gefragt, ich bin dafür nicht qualifiziert.

Inzwischen würde ich sagen, ich bin die Richtige, weil ich nicht qualifiziert bin. Und mein Nicht-Qualifiziert sein hat Gründe, die etwas mit eben jenen Strukturen zu tun haben, die diese Konferenz ändern möchte. Zu mir: Ich bin als Tochter eines Inders in Düsseldorf Oberbilk groß geworden. Die Familie meiner Mutter kommt aus Polen. Oberbilk ist ein Stadtteil, der auf Migration aufgebaut ist und als Folge bekamen aus meiner Grundschulklasse nur zwei Kinder die Gymnasialempfehlung, war das Gymnasium, auf das ich ging als Gymnasium 3. Klasse stadtbekannt und gab (und gibt es übrigens immer noch nicht) es keinen Buchladen im Stadtteil. Soviel zu bildungsfernen Schichten. Sind wir bildungsfern oder wird die Bildung von uns ferngehalten?

Später an der Universität war für meine Komilliton*innen mit einem anderen familiären Background der Wunsch Schriftsteller*in zu werden so ähnlich, wie im oberen Management arbeiten zu wollen, ehrgeizig aber ein Berufswunsch. Für mich war er wie der Wunsch Astronautin zu werden, ein unerreichbarer Traum. Rassismus und Klassismus macht etwas mit unserer Phantasie, mit der Vorstellung davon, wo unser Platz in dieser Gesellschaft ist und wieviel Bewegungsspielraum dort für uns ist. Genau das wird bei Kulturförderungen, bei Residenzen und Stipendien jedoch nicht mit bedacht. Die Aussiebungsprozesse setzen viel früher an. Und sie sind unsichtbar.

Deshalb beruht mein Input auf der Kulturförderung ganz am Anfang, also auf der Beseitigung der Zugangsschranken. Ein kleiner Überblick:

  • Ein riesiges Problem ist, dass in sogenannten sozialen Brennpunkten wenn überhaupt, dann viel Soziokulturförderung stattfindet, aber wenig Kulturförderung. Doch Menschen wie wir machen ebenfalls echte Kultur und nicht nur Soziokultur. Beides ist wichtig, doch es ist nicht dasselbe.

Der Bereich der Schule:

  • Generell wird in Schulen den künstlerischen Fächern viel zu wenig Gewicht zugemessen (du kannst Musik oder Kunst wählen etc.). Gerade in sozialen Brennpunkten ist das Angebot noch eingeschränkter. Warum haben bestimmte Gymnasien ein Orchester und andere nicht. Warum gibt es nicht die Möglichkeit für die Kinder ein Instrument an der Schule zu erlernen / barrierefreie Kooperation mit Musikschulen.
  • Wie ist es mit dem Unterrichten von Kreativität? Stattdessen wird an Schulen das Ausführen von vorgegebenen Aufgaben geübt. Kreativität als Unterrichtsreihe, unterrichtet von Externen.
  • Wie können Schüler*innen in sozialen Brennpunkten eine kulturelle Förderung erhalten, die sie erreicht? Best Practice Modelle.
  • Beratung an Schulen/Berufsberatung/andere Stelle über die Möglichkeit Berufe im künstlerischen Bereich auszuführen und was dazu notwendig ist, z.B. im Bereich der Literatur, dass Literatur studiert werden kann, dass es über bestimmte Schreibkurze vor allem bei Lektor*innen möglich ist, Kontakte zu Verlagen etc. zu machen. Wie das Business überhaupt funktioniert. Das ist ansonsten esotherisches Wissen, das nur in den bekannten Kreisen weitergegeben wird.
  • Hilfe beim Erstellen von Mappen für die Kunstakademie an den Schulen. Z.B. durch Lehrende der Akademie, die dazu an die Schulen kommen
  • Vergleichbare Angebote für alle anderen künstlerischen Bereiche.
  • Menschen aus der Praxis – und zwar erfolgreiche Menschen aus der Praxis – an Schulen einladen. Ich bin z.B. eingeladen worden, creative writing zu unterrichten, sogar an Universitäten, bevor ich auch nur etwas Literarisches veröffentlicht hatte. Das ist keine qualifizierte Lehre.

Preise/Stipendien:

  • Altersbegrenzung bei Stipendien aufheben. Ebenso Anwesenheitspflicht flexibler gestalten.
  • Mehr niedrigschwellige Preise einrichten, z.B. niedriger dotierte Literaturpreise gerade für Einsteiger etc.

Außerdem:

  • Veranstaltungsorte sind wahnsinnig wichtig. Förderung von slebstorganisierten Veranstaltungsorten, gerade in sozialen Brennpunkten. Und vor allem diese Orte ernst nehmen!
  • Kunst im öffentlichen Raum möglich machen: z.B. Straßenmusik erlauben. Das ist einer der ersten Orte, an denen junge Musiker Geld verdienen können, doch diese Möglichkeit wird von den Kommunen inzwischen nahezu unterbunden.
  • keine unbezahlten Praktika im kulturellen Bereich mit gleichzeitiger Verpflichtung für die Kulturbranche ab einer gewissen Größe Praktika anzubieten. Eventuell finanzielle Förderung von Praktika.
  • Archive & Erinnerungskultur auf alle Mitglieder der Gesellschaft ausweiten. Diese Archive, die es ja gibt, wenn das gewollt ist in angesehene Institutionen aufnehmen, wie z.B. Universitäten, Heinrich-Heine-Institut etc.

Des Weiteren:

  • billiger Wohnraum ist existentiell wichtig, um die Möglichkeit zu haben auch ohne ein finanzielles Polster, die lange Durststrecke zu überstehen, bevor ein künstlerischer Beruf auch nur überhaupt honoriert wird.
    BEI ALL DIESEN PUNKTEN ist es wichtig Förderung nicht für, sondern mit den Menschen zu machen. Also die Gruppen, die gefördert werden sollen, in die Gremien hinein zu holen, nach ihren Wünschen zu fragen, ganz banal: Welche Förderung wäre für nützlich etc.

UND GANZ ZENTRAL:
Die Lehre, die wir aus Corona ziehe müssen, ist, dass Kultur auch online stattfinden kann und wir die online-Möglichkeiten pflegen und ausbauen können. ABER: Kultur kann nicht nur online stattfinden. Eine der zentralen Funktionen von Kultur ist, dass Menschen sich miteinander verbinden. Das muss im direkten Kontakt passieren. Präsenz ist ganz wichtig für Kultur.

UND Kultur ist wichtig, Schönheit ist überlebenswichtig. Es gibt inzwischen so viele Studien darüber, dass Menschen Schönheit für ihre Psyche aber auch ganz konkret für ihre Gesundheit brauchen. Schönheit in diesem Fall Verbindung und Sinnstiftung, entweder durch Musik, Kunst, Literatur, Tanz, aber auch durch öffentliche Gärten. Diese Form der Schönheit spielt sogar eine zentrale Rolle bei Vermeidung von Kriminalität. Deshalb müssen wir unsere Bewertung von Kultur neu überdenken. Kultur ist nicht Luxus und Extra, wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind, sondern Kultur ist ein Grundbedürfnis.

StaedtetagNRW

Deutscher Städtetag Nordrhein-Westfalen
Kulturelle Vielfalt in der Stadt
Chance und Herausforderung für die kommunale Kulturpolitik